This site will work and look better in a browser that supports web standards.

Abitur 2017
Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage
Wettbewerbe
Sport
Musik
Exkursionen/Projekte
Austauschprogramme
Feiern und Feste
Archiv
2015/2016
2014/2015
2013/2014
2012/2013
2011/2012
2010/2011
2009/2010
2008/2009
2007/2008
2006/2007
2005/2006
Ein indisches Abenteuer Freiwilligendienst in der Ferne

Kurz vor meinem Abitur 2011 stand die Entscheidung endlich fest: Ich würde für ein Jahr nach Indien gehen. 9 Monate würde ich dort arbeiten, die restliche Zeit bis zum Auslaufen des Visums reisen.

Für das Vorhaben hatte ich mich ein Jahr zuvor bei einer gemeinnützigen Organisation für das Programm weltwärts beworben. weltwärts ist der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und wird durch das BMZ mitfinanziert und von einer Vielzahl von zivilgesellschaftlichen Entsendeorganisationen im partnerschaftlichen Dialog mit den Projektpartnern vor Ort durchgeführt. weltwärts ist explizit auch an Bewerber gerichtet, die finanziell weniger gut ausgestattet sind. Um die Kosten für den Aufenthalt zu decken, sollte der Bewerber vor Antritt seines Dienstes versuchen einen kostendeckenden Spenderkreis aufzubauen.

Junge Menschen im Alter von 18 bis 28 Jahren können mit dem Programm für 6 bis 24 Monate einen Freiwilligendienst in Entwicklungsländern leisten. Sie werden durch die Entsendeorganisationen auf ihren Einsatz vorbereitet und während der Zeit ihres Freiwilligendienstes begleitet. Die Arbeitsfelder der Freiwilligen können dabei das gesamte Themenspektrum der aktuellen Entwicklungszusammenarbeit umfassen. Besonders häufig entsprechen dabei lehrende Tätigkeiten dem Qualifikationsprofil der Bewerber. Denn viele, wie ich selbst auch, haben gerade erst ihr Abitur gemacht, wenn sie aufbrechen.

Um sich für das Programm zu qualifizieren, muss man in der Regel bei der Entsendeorganisation einige Dokumente einreichen (z.B. Empfehlungsschreiben und Lebenslauf) und auf Einladung an einem Auswahlseminar teilnehmen, bei dem man sich in Gruppendiskussionen und einem Einzelgespräch profilieren kann.

Als die Zusage endlich kam, vergingen die verbliebenen Monate bis zur Ausreise wie im Flug: Visum, Impfungen, Spenderkreis, Vorbereitungsseminar - und schon war man da. Gut vorbereitet und doch überrascht.

Mein Einsatzort war die Großstadt Ahmedabad an der Westküste Indiens im konservativen Bundesstaat Gujarat. Aus dem kleinen Linz in eine indische Millionenstadt mit allem was dazu gehört!


Die ersten Monate fühlte ich mich wie ein kleines Kind: Ich musste Verhaltensregeln lernen, wie man sich kleidet, wie man sich vor allem auch als Frau verhält, herausfinden, wo man was kaufen kann, was man nicht kaufen kann, was wie viel kostet... Und mit der Zeit nahm man die Andersartigkeit nicht mehr wahr! Beim „Skypen“ erzählte man dann von einem Erlebnis und war für einen Moment verdutzt, dass das Gegenüber in Deutschland sich an einem kleinen erzählerischen Detail wie den Kühen auf der Straße aufhielt!

 

Zunächst arbeitete ich im Rahmen eines bildungspolitischen Projekts an verschiedenen weiterführenden Schulen der Stadt. Ich organisierte in Zusammenarbeit mit den Direktoren und verantwortlichen Lehrern Sitzungen, bei denen ich Vorträge hielt und vor allem mit den Schülern in einen offenen Diskurs über gesellschaftsrelevante Themen trat.

Schnell kam jedoch die erste Ernüchterung: Die gemeinsame Sprache – Englisch - reichte nicht aus, um Themen wirklich zu besprechen, das Interesse bei den Schülern war häufig eher oberflächlicher Natur und auch gesellschaftliche Rollenmuster hinderten vor allem Mädchen an der aktiven Mitarbeit im Rahmen der Treffen. Ich war unzufrieden und ratlos. Weil – wegen einer großen organisatorischen Panne - auch keinerlei Verantwortliche vor Ort waren, rieten mir Freunde aus der Heimat, den Dienst schnell abzubrechen. Ich blieb.

 

Denn – und das darf man nicht aus den Augen lassen - genau solche Situationen machen den wertvollen Kern der Erfahrungen aus, die man bei einem solchen Freiwilligendienst fernab der Heimat machen kann: Dinge funktionieren nicht unbedingt einfach so, wie man dachte; man muss flexibel bleiben, wachsam gegenüber alternativen Lösungen und auch die Ursachen des Scheiterns erst feststellen in dem unbekannten Umfeld. Man geht, um zu lernen. Und auch hier gilt: Aus Fehlern lernt man!

 


Die 9 Monate arbeitete ich daraufhin zunehmend weniger in den Schulen und sah mich eigenverantwortlich nach alternativen Einsatzstellen um.

So nahm ich Kontakt zu dem Deputy Health Officer vor Ort auf und organisierte mit Unterstützung der Stadtverwaltung einige Müllsammelaktionen in einem lokalen Slum, begleitet von öffentlichen Programmen für die ansässigen Kinder und gesundheitlichen Aufklärungskampagnen für die Erwachsenen. Darüber hinaus hielt ich öffentliche Vorträge zu gesellschaftspolitischen Themen, die mir relevant schienen.

Im Nachhinein bin ich stolz, dass ich den Mut hatte, zu bleiben und die "Dinge selbst in die Hand zu nehmen". Nach der Schulzeit wird einem irgendwann bewusst, dass die folgenden Jahre nicht mehr vorgeschrieben sind, dass nun niemand außer einem selber den eigenen Lebensplan entwirft - Eigeninitiative, Selbstreflektion, Mut, Entschlusskraft, Durchhaltevermögen und vieles mehr wird zunehmend wichtiger - warum also nicht den Sprung in das kalte Wasser wagen und dabei vielleicht sein eigenes Potenzial entdecken?

Jede Schwierigkeit, die ich während der Zeit hatte, wurde um ein vielfaches entschädigt. Ich habe Freunde gefunden, die nächsten Hochzeitseinladungen flattern ins Haus und das Reisen quer durchs Land zum Ende meines Aufenthalts war vermutlich eine der schönsten, lehrreichsten und intensivsten Zeiten meines Lebens.

Mittlerweile ist meine Rückkehr aus Indien fast ein ganzes Jahr her. Wenn alles klappt, werde ich nächstes Jahr wieder hinfahren. Und dieses Mal gehe ich (gefühlt) als "Desi" – als Einheimische - gewissermaßen auch „nach Hause“. Indien lässt einen eben nicht mehr los.

Ingrid Rooda, im Juli 2013

Ingrid Rooda hat 2011 ihr Abitur am Martinus-Gymnasium absolviert. Sie studiert jetzt in Heidelberg Politische Wissenschaft und Germanistik