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Wider das Vergessen – ein datenbankgestütztes Schülerprojekt zum Ersten Weltkrieg



Zehntklässler erforschen „Helden“-Gedenkbuch eines rheinischen Infanterieregimentesund besichtigen die Schlachtfelder von Verdun

Das Arbeiten mit Datenbanken ist eine von vielen Möglichkeit, um Schülerinnen und Schüler für geschichtliche Themen abseits des gewohnten Schulunterrichtes zu begeistern. Im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft beschäftigten sich sieben Jugendliche des Martinus-Gymnasiums Linz mit der Auswertung einer solchen Datenbank mit lokalem Bezug: Es ging um die Gefallenenliste eines Regimentes aus dem Ersten Weltkrieg, seinen Totenstein Ehrenmal in Rheinbrohl (nahe Linz / Rhein) gewidmet. Konkret handelt es sich um das Rheinische Infanterie-Regiment von Horn Nr. 29, das in den Jahren 1914-1918 vor allem an der Westfront eingesetzt wurde. Es kämpfte in diesen Jahren an verschiedenen Frontabschnitten, u.a. nahm es im Jahr 1916 an der verlustreichen Somme-Schlacht teil .Aus dem 29er Regiment fielen in den vier Kriegsjahren 3540 (!) Soldaten, die nach dem 1. Weltkrieg in einem sogenannten Goldenen Buch verzeichnet wurden.Ein Rheinbrohler Förderverein hält bis heute verdienstvoll das Andenken an die Gefallenen wach und erstellte auf Grundlage des erwähnten Totenbuches eine Datenbank in Excel-Format, die den Zehntklässlern als eine Quelle für ihre Auswertungsarbeit zur Verfügung stand. Schon über diese Datei ließen sich zahlreiche Erkenntnisse über die Gefallenen des Regimentes gewinnen: Denn die Datei gibt Auskunft nicht nur über Name, Dienstgrad und Einheit, sondern auch über das Alter der Soldaten sowie ihren Geburts- und Herkunftsort. Eine ganze Reihe der jungen Männer ist bereits in den ersten zwei Kriegsmonaten, sprich im August und September 1914, gefallen, in einem Alter oft um die 20 Jahre, womit sie nur wenig älter waren als die Zehntklässler selbst. Die Soldaten dieser Einheit wurden rekrutiert aus dem mittelrheinischen und niederrheinischen Raum mit den Schwerpunkten Köln und Mönchengladbach. In wenigen Fällen ergaben sich Schnittmengen mit den Herkunftsorten der Schüler, sodass sich hier die Möglichkeit zu weiterer Recherche im Heimatort eröffnete.

Bereichert wurde die Auswertung der Excel-Datei durch den Abgleich mit der Datenbank des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge (VDK): Wir nutzten zu diesem Zweck die Hilfe der Gräbersuche online und überprüften in den uns zur Verfügung stehenden 15 AG-Stunden knapp ein Drittel der im Goldenen Buch verzeichneten Gefallenen. Knapp jeder sechste Soldat konnte über die Suchmaschine ausfindig gemacht werden, meist mit geringen Abweichungen von den Vermissten- oder Gefallenendaten aus dem Totenbuch. Die Angaben des Volksbundes ergänzten die Eintragungen der Excel-Datei insofern, als sich hier in vielen Fällen Hinweise über den Begräbnisort des einzelnen Soldaten ergaben – wertvolle Hinweise, die nun für den Förderverein genutzt werden können, um Kontakt zu Angehörigen aufzunehmen. Besonders häufig fanden sich die Soldatenfriedhöfe Langemark und Menen als letzte Ruheorte von gefallenen Teilnehmern des 29er-Regimentes, aber auch viele eher unbekannte Stätten in der belgischen oder nordost-französischen Provinz.

Die Recherche der Arbeitsgemeinschaft mündete bruchlos in ein Projekt, das mit einem erweiterten Kreis von Schülern im Rahmen einer Projektwoche abgehalten wurde und den Titel Die Hölle von Verdun trug. Höhepunkt dieser vier Tage war der Besuch der Schlachtfelder von Verdun, vor allem die Besichtigung der Orte Douaumont und Fleury. Dank der Vermittlung von Frau Bettina Hörter, der Koblenzer VDK-Bezirksgeschäftsführerin, konnte ein kompetenter Guide gefunden werden, der in einer mehrstündigen Führung einfühlsam über Schicksale und Ereignisse der bei Verdun stattgefundenen Materialschlacht referierte.

 



Die Exkursion nach Frankreich wurde im heimischen Linz nachbereitet: Mit unterschiedlichen Arbeitsaufträgen betraut suchten die Schülerinnen und Schüler im Stadtarchiv, auf dem Waldfriedhof oder im Altstadtbezirk nach lokalen Spuren, die bis heute an den Ersten Weltkrieg erinnern. Grundlage der Recherche bildeten Photographien, Feldpostbriefe, Behördenakten aus jener Zeit, Kriegsnotgeld, Gefallenenverzeichnisse, Entwürfe für Kriegerdenkmäler usw. Die Ergebnisse der Gruppenarbeiten wurden am letzten Tag der Projektwoche einem interessierten Publikumaus Eltern und Schülern auf Stellwänden erfolgreich vorgestellt.

Bedenkt man, dass der Erste Weltkrieg als Unterrichtsgegenstand oft zu kurz kommt, da die Zeit für ein so umfangreiches Thema gegen Ende der 9. Klasse knapp wird, vor allem in kurzen Schuljahren, so wurdeim Rahmen dieses gekoppelten Projektes die Notwendigkeit deutlich, sich mit individuellen Schicksalen des 1. Weltkrieges und mit der eigenen lokalen Geschichte näher auseinanderzusetzen.Lohnenswert ist dabei immer auch dieUntersuchung der Gedenkkultur einer Nationoder Bevölkerung: Die Bandbreite reicht von der fragwürdigen Heldenverehrung der Zwanziger bis Fünfziger Jahre, von der sich oft im lokalen Rahmen Spuren in Architektur und Rhetorik erhalten haben, bis hin zum schlichten Vergessen auf Seiten der jüngeren Generation. Die Auswertung von Datenbanken historischen Gehalts kann wie im beschriebenen Fall am Anfang einer wichtigen Alteritätserfahrung stehen, die dem heute jungen Menschen vor Augen führt, dass ein Leben im Friedenalles andere als „normal“ ist.